Kurzbericht 41. Münsterischer Versicherungstag

Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft der Versicherungsbranche

Bericht zum 41. Münsterischen Versicherungstag


Am vergangenen Samstag (25.11.2023) hat mit 250 Gästen aus der Versicherungswissenschaft und -wirtschaft im Fürstbischöflichen Schloss Münster der 41. Münsterische Versicherungstag stattgefunden. Bereits am Vorabend (24.11.2023) wurde dabei die in Zeiten von ChatGPT hochspannenden Frage der Chancen generativer KI für die Versicherungsbranche erörtert. Am Samstag gab es einen Bericht aus der Praxis des Versicherungsombudsmannes, einen Einblick in Versicherungsvereine in der Industrie, einen Bericht aus der versicherungsrechtsgeschichtlichen Forschung und eine Paneldiskussion zur geplanten Kleinanlegerstrategie der EU-Kommission. Zudem wurde zum 16. Mal der Helmut-Kollhosser-Preis verliehen.

Vorabend – Generative KI in der Versicherungsbranche

Die Diskussion um Chancen und Nutzen generativer KI wurde am Freitag von Bernd Wagner (Managing Director Google Cloud Germany) und Dr. Ranja Reda Kouba (Head of Customer Engineering, Financial Services Industries, Google) eröffnet. Wagner und Reda Kouba zeigten in ihrer Präsentation auf, welche Möglichkeiten es schon heute mit generativer KI gibt, angefangen bei dem Vergleich komplexer Dokumente bis hin zu mündlich gestellten Fragen an einen Avatar. Besonders betont wurden dabei die Aspekte Security und Explainibility. So verwende Google etwa eine Art Wasserzeichen, welches mit KI erzeugte Inhalte markiere und somit identifizierbar mache.

Anschließend berichtete Anastasia Golz (Executive Assistant to the CEO, HDI Versicherung AG) aus der Praxis eines Versicherungsunternehmens. Sie stellte heraus, dass es unproblematisch sei, sich auch in der Versicherungswirtschaft eine Vielzahl von use cases für den Einsatz generativer KI auszudenken. Die viel größere Herausforderung sei das Thema Securtiy. So sei einerseits erforderlich, alle erforderlichen Daten in die KI einzuspeisen, und umgekehrt veröffentliche man auf diesem Wege gegebenenfalls sensible Daten. Zur Zeit werde die Lösung in der Abkapselung der KI für jeden use case gesucht.

In der anschließenden Diskussion zeigte sich vor allem ein großes Interesse an der Frage der Nutzung von KI für juristische Sachverhalte.

Versicherungstag – Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft der Versicherungsbranche

Am Samstag wurde zu Beginn der Veranstaltung der Helmut-Kollhosser-Preis an Dr. Katharina Thole für ihre Dissertation mit dem Titel „Das Risiko von Deckungslücken durch die Wissens- und Verhaltenszurechnung in der D&O-Versicherung“ verliehen. In einem Kurzvortrag bekam die Preisträgerin die Gelegenheit, die verschiedenen, in ihrer Arbeit untersuchten Probleme sowie die von ihr gefundenen Lösungen kurz zu beleuchten.

Dr. h.c. Wilhelm Schluckebier (Versicherungsombudsmann, Richter am Bundesverfassungsgericht a. D.) berichtete im Anschluss von den aktuellen Schwerpunkten in der Tätigkeit als Versicherungsombudsmann. Ein klarer Fokus lag dabei auf Konflikten im Bereich der Lebensversicherung. So beschäftigten die Schlichtungsstelle weiterhin die Fälle des „ewigen Widerrufs“ sowie Fälle einer zum Teil deutlichen Unzufriedenheit der Kunden mit der Kostenbelastung. Hinzu kämen vermehrt Fälle in Bezug auf Kündigungsleistungen sowie Riester-Renten-Sparpläne. Im Bereich der anderen Versicherungssparten liege ein Schwerpunkt im Bereich der Informations- und Beratungspflichten inklusive der Auswirkungen des § 1a VVG.

Im Anschluss erörterte Dr. Patrick Fiedler (Leiter Versicherungen, BASF, Vorstand GVNW) die vergangene und gegenwärtige Bedeutung von Versicherungsvereinen in der Industrie. Er berichtete, dass sich ein Muster erkennen ließe. Industrieunternehmen hätten immer dann durch die Gründung von Versicherungsvereinen begonnen sich selbst zu helfen, wenn sie mit dem Versicherungsmarkt unzufrieden waren. Sie seien selbst zum Anbieter von Versicherungen geworden, allerdings nur oder zumindest erstmal nur für „Clubmitglieder“. Fiedler erörterte die Vor- und Nachteile einer solchen Mitgliedschaft und stellte dann den jüngst unter Beteiligung der BASF gegründeten Versicherungsverein MIRIS vor. MIRIS biete seinen Mitgliedern Cyberdeckung an, welche sich so auf dem Markt zur Zeit nicht einkaufen lasse. In Hinblick auf die Gründung betonte Fiedler die angenehme Kooperation mit der belgischen Aufsichtsbehörde. Zudem stellte er als Besonderheit von MIRIS das innovative Cyberrisikomanagement heraus.

An die historische Entwicklung von Versicherungen konnte Prof. Dr. Phillip Hellwege M.Jur. (Oxford) (Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Wirtschaftsrecht und Rechtsgeschichte, Universität Augsburg) nahtlos anschließen. Hellwege bot einen Einblick in seine versicherungsrechtsgeschichtliche Forschung und erörterte zunächst die Herausforderung, den Untersuchungsgegenstand zu definieren. Zudem setzte er die rechtsgeschichtliche Forschung in ein Verhältnis zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Da seine Forschung bereits lange vor den ersten allgemeinen Versicherungsgesetzen ansetze, zeichne sich seine Arbeit zudem durch ein großes Quellenproblem aus. So seien etwa von Notaren aufgesetzte Verträge noch recht gut erhalten, von Maklern geschriebene Verträge jedoch nur noch selten. Zudem gehe es häufig auch zuerst einmal darum, die damaligen Versicherungsprodukte zu verstehen. Dogmengeschichtlich befasste er sich zum Abschluss mit Unterschieden bei Witwen- und Waisenkassen gegenüber sogenannten Tontinen und der Verquickung von staatlicher Verwaltung und Privaten.

Der Versicherungstag schloss mit einer Paneldiskussion zur geplanten Kleinanlegerstrategie der EU-Kommission unter der Moderation von Anne Fischer, LL.M. (Partner, Norton Rose Fulbright). Diskutiert haben Stephen Rehmke (Vorstand, Bund der Versicherten e.V.), Marc Schmiele, LL.M. (Referent, Gesamtverband der Versicherer e.V.) und Norman Wirth (Geschäftsführender Vorstand, Der Bundesverband Finanzdienstleistung e.V.). Weitgehende Einigkeit wurde in dem Punkt gefunden, dass zwar das angestrebte Ziel der Kleinanlegerstrategie – die verstärkte Nutzung des Kapitalmarktes durch Kleinanleger – durchaus positiv sei, die Art und Weise, wie die Kommission vorgehe, jedoch diesem Ziel kaum diene. In Frage gestellt wurde unter anderem, ob durch die geplante Benchmark nicht letztendlich eine staatliche Kostenkontrolle stattfinde. Zudem sei fraglich, ob durch die Verschiebung zentraler Definitionen auf die Level 2 und 3 der europäischen Gesetzgebung nicht ein Demokratiedefizit entstehe. Die Frage nach der Zulässigkeit und dem Sinn eines allgemeinen Provisionsverbotes fehlte ebenso wenig in der Diskussion, wie die Betonung der Bedeutung von Finanzbildung in der breiten Bevölkerung. Erörtert wurde zudem ein Vertrauensverlust der Kunden in Berater und die Frage, ob dieses Vertrauen durch die Maßnahmen der Kommission tatsächlich wiederhergestellt werden könne.

Insgesamt zeichnete sich der 41. Münsterische Versicherungstag durch ein vielfältiges Programm und lebhafte Diskussionen aus. Herzlicher Dank gilt den Referentinnen und Referenten sowie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Ebenso gilt unser Dank der AIG für das Sponsoring des Vorabends sowie dem BVK e.V. für die Stiftung des diesjährigen Helmut-Kollhosser-Preises.

Der nächste Versicherungstag wird am 23.11.2024 stattfinden. Informationen zu dieser und weiteren Veranstaltungen finden sich auf der Website der Forschungsstelle für Versicherungswesen Münster.


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