Humboldt-Forschungspreis geht nach Münster an Prof. Russel Miller

Die Alexander von Humboldt-Stiftung verleiht jedes Jahr bis zu 100 Forschungspreise an international führende Wissenschaftler*innen aller Fachrichtungen aus dem Ausland für deren bisheriges Gesamtschaffen. Für den Preis können Wissenschaftler*innen vorgeschlagen werden, deren grundlegende Entdeckungen, neue Theorien oder Erkenntnisse das eigene Fachgebiet auch über das engere Arbeitsgebiet hinaus nachhaltig geprägt haben und von denen auch in der Zukunft weitere wissenschaftliche Spitzenleistungen erwartet werden dürfen. Die Rechtswissenschaftliche Fakultät hatte 2020 Herrn Prof. Russel A. Miller nominiert. Der Staats- und Verfassungsrechtler unterrichtet eigentlich an der Washington & Lee University in Lexington, USA. Zurzeit forscht er im Rahmen eines Karina- und Erich-Schumann-Fellowships in Münster. Lernen Sie den Preisträger im Interview näher kennen.*

 

Zunächst herzlichen Glückwunsch zum Alexander-von-Humboldt-Forschungspreis. Bereits die Nominierung durch die Fakultät hat Sie sicherlich gefreut. 

Verraten Sie uns, wie hoch Sie Ihre Chancen eingeschätzt haben, den Preis tatsächlich zu erhalten und welches Forschungsvorhaben Sie hier in Münster nun realisieren werden? 

 

Die Nominierung durch die Rechtwissenschaftliche Fakultät  Münster hat mich sehr geehrt. Der Humboldt-Forschungspreis ist jedoch  eine der höchsten akademischen Auszeichnungen Deutschlands, sodass ich versucht habe, meine Chancen realistisch einzuschätzen Ich bin sicher, mein größter Vorteil war die starke  Unterstützungdurch dieRechtswissenschaftliche Fakultät. Dies muss ein überzeugendes Signal an den Auswahlausschuss gewesen sein. Ich habe im Laufe der Jahre mit mehreren Münsteraner Kollegen zusammengearbeitet, insbesondere als Mitherausgeber des German Law Journal. Ich denke, diese positiven und produktiven Erfahrungen haben meiner Nominierung viel Tiefe, Spezifität und eine persönliche Qualität verliehen. Vor allem die Unterstützung seitens der Rechtswissenschaftlichen Fakultät Münster ist  mithin für diese bescheidene Anerkennung verantwortlich.

 

Mit dem Preis kann ich in den kommenden Jahren meine Beziehung zur Rechtswissenschaftlichen Fakultät Münster und meinen geschätzten Kollegen fortsetzen. Es ist eine wertvolle Unterstützung für meine Forschung. Ich habe mehrere Projekte, die sich auf deutsches Recht und die deutsche Rechtskultur fokussieren. Eines dieser Projekte ist ein englischsprachiges Lehrbuch, das ausländischen Studierenden die deutsche Rechtskultur näherbringen soll. Sie können sich vorstellen, wie sehr dieses Projekt von einem vertrauten und unterstützenden „Standbein“ in Deutschland profitieren wird. In Münster habe ich die Möglichkeit, von anderen Wissenschaftlern zu lernen, von denen viele in ihren Rechtsdisziplinen führend sind. Ich kann mit Münsters‘ hervorragenden Studierenden in Kontakt kommen, was sich als große Hilfe für meine Arbeit erwiesen hat. Und ich kann Münsters‘ hervorragende Bibliotheken für meine Forschung nutzen.

 

Sie sind nun schon länger hier bei uns in Münster und konnten die Stadt noch kennenlernen, bevor die Corona-Krise begann. Was hat Sie hier hergezogen und gefällt Ihnen hier am Besten?

 

Ich weiß, dass Deutsche amerikanische Begeisterung und Romantik manchmal mit amüsierter Skepsis betrachten! Aber ich werde den Impuls an dieser Stelle nicht unterdrücken. Münster ist eine wunderschöne Universitätsstadt mit einer unwiderstehlichen und komplexen Geschichte, die besonders jemanden wie mich anspricht, der sich für Völker- und Staatsrecht interessiert. Ich bin so glücklich darüber, dass mich Prof. Casper, ein ehemaliger Kollege des German Law Journal, motiviert hat, zunächst die Rechtswissenschaftliche Fakultät hier in Münster zu besuchen. Ich wurde für zwei, den ganzen Sommer dauernde Forschungsaufenthalte mit einem Schumann-Stipendium der Rechtswissenschaftlichen Fakultät unterstützt. Dank dieser Besuche habe ich mich in den großen Wochenmarkt am Domplatz verliebt, Münsters schöne kleine Oper genossen, mich in Gesprächen im Floyd Café verlaufen und ich habe Leib und Leben mit einem gebrauchten Hollandrad auf der Promenade riskiert. Ich habe in ganz Deutschland gelebt und die Menschen in Münster sich als besonders herzlich, einladend und lustig erwiesen.

 

Ursprünglich kommen Sie aus den USA und haben dort auch als Anwalt praktiziert. Was hat Ihr Interesse für deutsches (Verfassungs-)recht geweckt?

 

In der Regel verbringen amerikanische Rechtsprofessoren mehrere Jahre als praktizierende Anwälte, bevor sie zum akademischen Leben zurückkehren. Dies ist ein Zeichen für den praxisorientierten und praktischen Charakter der amerikanischen Rechtsausbildung. Für viele Professoren besteht ein Zusammenhang zwischen ihrer Arbeit als Anwälte und ihrer Forschung als Wissenschaftler. Das trifft auch ein bisschen auf mich zu. 

 

Nach meinem Uniabschluss war ich mehrere Jahre lang als Anwalt tätig, der Todestraktinsassen in ihren Berufungen vertrat. Ich habe diese Arbeit gemacht, weil ich mich den Menschenrechten als einem Wertegerüst verpflichtet fühlte, das durch das Recht ausgedrückt und verwirklicht wird. Ich sah es auch als Chance, eine kleine Stellung gegen den anhaltenden Rassismus in Amerika zu beziehen. Diese Arbeit führte schließlich zu einer Beteiligung an der Vertretung von zwei deutschen Brüdern, die in Arizona zum Tode verurteilt worden waren. Dies war nicht der Fall der LeGrand-Brüdern, der zu einem großen Rechtskonflikt zwischen den USA und Deutschland führen würde und vor dem Internationalen Gerichtshof in den Haag endete. Mein Fall betraf die Brüder Apelt. Wie es möglich war, dass zwei deutsche Brüderpaare im Todestrakt von Arizona landeten, ist eine seltsame Frage, die wahrscheinlich eine dieser ausschweifenden Unterhaltungen im Floyd Café verdient. Aber wegen des großen Engagements der deutschen Regierung im Fall LeGrand fühlten sie sich auch verpflichtet, mit dem Anwaltsteam zusammenzuarbeiten, das die Brüder Apelt vertrat. Die leitenden Anwälte im Fall Apelt waren sich nicht sicher, was sie von den deutschen Konsulatsbeamten halten sollten, die in regelmäßigem Kontakt mit uns standen. Als jüngstes - und am wenigsten erfahrenes - Mitglied des Teams lag die Aufgabe der Koordination mit den Deutschen bei mir. Das waren meine ersten Kontakte mit Deutschland überhaupt. Aber ich schloss Freundschaften mit den deutschen Konsulatsbeamten, die aus Los Angeles angereist waren, um Informationen über den Fall zu erhalten und die Brüder Apelt im grausigen Gefängnis in der Wüste zu besuchen, in dem sich die Todeszelle von Arizona befand.

 

Mit der Ermutigung der Konsulatsbeamten bewarb ich mich später um ein einjähriges Robert-Bosch-Stipendium. Das Bosch-Stipendium umfasste monatelange intensive Deutschkurse und zwei Arbeitsaufenthalte in Europa. Ich habe mehrere unglaubliche Monate als Praktikant am Bundesverfassungsgericht und am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verbracht. So wurde ich vom deutschen Verfassungsrecht und vom Rechtsvergleich im Allgemeinen verführt! Später kehrte ich als Mitarbeiter zum Verfassungsgericht zurück, absolvierte einen LL.M. an der Universität Frankfurt, und ich hatte das Glück, einen langen Forschungsaufenthalt am Max-Planck-Institut für ausländisches Öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg zu genießen.

 

Ich hoffe, Sie werden es verstehen, dass ich Sie darum bitten möchte, die vielen deutschen Juristen und Wissenschaftler anzuerkennen, die mich in diesen abenteuerlichen Jahren der Entdeckung und des intensiven Lernens großzügig unterstützt haben. Ich bin sicher, ich werde jemanden übersehen, aber dazu gehören die Präsidentin des Verfassungsgerichts, Jutta Limbach, Bundesverfassungsrichterin Lerke Osterloh, Bundesverfassungsrichterin Renate Jaeger, Prof. Jochen Frowein, Prof. Armin von Bogdandy, Prof. Michael Bothe und Prof. Günter Frankenberg. Ich wurde von meinem geschätzten Mentor und Co-Autor Prof. Donald Kommers von der Notre Dame Law Faculty begleitet. Und ich wurde durch eine jahrelange Partnerschaft mit Prof. Peer Zumbansen von der McGill Law Faculty ermutigt, herausgefordert und bereichert, mit der ich das German Law Journal mitbegründet und mitherausgegeben habe. All diesen hilfsbereiten Kollegen habe ich viel zu verdanken.

Haben Sie vielen Dank für diese interessanten Einblicke und viel Erfolg für Ihre Vorhaben hier in Münster. 

*Das Interview haben wir auf Englisch geführt. Das originale Interview haben wir ebenfalls auf der Website veröffentlicht.