Interview mit Prof. Dr. Michael Heghmanns

Sie sind gerade in den Ruhestand eingetreten. Freuen Sie sich auf diese Zeit?
Mittlerweile freue ich mich sehr auf diese Zeit, auch wenn ich zunächst gemischte Gefühle hatte. Besonders hilfreich war, dass ich meine Tätigkeit um drei Jahre verlängern konnte; damals wäre ich sonst mit einem weinenden Auge gegangen. Jetzt, wo schon die ersten Wochen hinter mir liegen, merke ich aber, dass es genug zu tun gibt. Zudem bin ich froh, erstmal keine Vorlesungen mehr vorbereiten zu müssen. Zwar haben mir die Lehre und insbesondere die Vorlesungen immer großen Spaß gemacht, der zeitliche Aufwand dafür war aber doch beträchtlich. Auch bin ich froh, nicht mehr in Sitzungen gehen zu müssen. So fallen nun nach und nach auch die unangenehmeren Aspekte des Professoren-Daseins weg.
Was werden Sie denn am Fakultätsalltag am meisten vermissen?
Im Grunde genommen zwei Dinge: Die Lehrstuhl-Teamarbeit. Darunter verstehe ich nicht nur das gemeinsame (wissenschaftliche) Arbeiten, sondern auch die gemeinsamen Unternehmungen, insbesondere das wöchentliche Mittagessen auf dem Markt. Junge Leute dabei zu begleiten, wie sie aufwachsen und zu sehen, was aus ihnen wird – das hat unheimlich Spaß gemacht, und das werde ich sehr vermissen. Genauso wie ich irgendwann die Vorlesungen vermissen werde. Langfristig hätte ich durchaus noch einmal Lust, in den Ring zu steigen.
Sie waren 20 Jahre lang an der Universität Münster und haben darüber hinaus auch immer noch in der Justiz z. B. als Vorsitzender Richter am Landgericht Münster der 15. Kleinen Strafkammer gearbeitet. Resümierend: Was sind Ihre Tipps für eine akademische Laufbahn?
Meiner Erfahrung nach sind Geduld und die Bereitschaft, sich langfristig mit einem Thema zu beschäftigen, entscheidend. Man sollte nicht darauf angewiesen sein, kurzfristige Erledigungen und Erfolge zu haben. Insbesondere im praktischen Alltag als Staatsanwalt oder Richter ist irgendwann eine Sache schlicht zu Ende. Diesen Punkt erreicht man hier eher selten, und insbesondere die Qualifikationsschriften erfordern Geduld. Ein weiterer wesentlicher Punkt war für mich das Interesse an der Lehre und Ausbildung. Das war einer der Hauptgründe, die mich bewogen haben, in diese Laufbahn zu wechseln.
Welches Ereignis ist Ihnen in Ihrer Laufbahn am eindringlichsten im Gedächtnis geblieben?
Bei dieser Frage musste ich kurz innehalten, aber wenn ich ein einzelnes Ereignis herausgreifen müsste, wäre es der Strafrechtliche Moot Court. Wir haben ihn zunächst gewonnen und im darauffolgenden Jahr die große Ehre gehabt, ihn hier in Münster auszurichten. Das war ein schöner und eher unerwarteter Erfolg. Die Organisation der Veranstaltung war zwar mühsam, aber gleichzeitig sehr lohnend. Sie hat alle Mitarbeitenden, die daran beteiligt waren, nochmals richtig zusammengeschweißt. Gerade aus diesem Grund wäre es wünschenswert, wenn der Moot Court in dieser Form weitergeführt werden könnte.
Gibt es Projekte, denen Sie sich in Zukunft widmen möchten?
Im Grunde genommen gibt es drei Dinge, denen ich mich jetzt widmen werde. Das erste ist die Neukommentierung des Umweltstrafrechts im Leipziger Kommentar. Infolge der Umsetzung der neuen europäischen Umweltstrafrechts-Richtlinie ist mit einer Änderung der meisten Vorschriften zu rechnen. Der Entwurf liegt aber gerade im Rechtsausschuss, und niemand weiß so richtig, wie es weitergeht – da sitze ich also auf heißen Kohlen. Das zweite ist die Redaktionsarbeit für die ZJS und die ZfISt. Das dritte ist natürlich die DFG-Forschungsgruppe KI.
In meinem Privatleben habe ich nichts auf die lange Bank geschoben, das jetzt anstehen würde. Meine Frau und ich haben uns aber für das nächste Jahr einen längeren Frankreichaufenthalt vorgenommen. Aber wir sind beide weiterhin in der Forschung tätig, sodass sich an unserem Alltag erst einmal nicht viel verändern wird, außer, dass wir etwas mehr Zeit mit unseren Enkeln verbringen können.
Vielen Dank! Sie dürfen natürlich gerne das „Schlussplädoyer“ halten. Gibt es noch etwas, das Sie den Leser:innen gerne mitgeben würden?
Vielleicht noch einmal zu der Frage, was für eine erfolgreiche akademische Karriere erforderlich ist: Ich würde sagen, dass man auch ein bisschen praktische Erfahrung braucht. Entweder vorher – und damit meine ich Erfahrung, die über das Referendariat hinausgeht – oder danach, dass man nebenbei zum Beispiel als Richter tätig ist. Das tut meines Erachtens sehr gut und hält den Kontakt zur Realität. Sonst neigen wir gelegentlich doch etwas dazu, gedanklich in den Elfenbeinturm zu entschwinden.
