Fachgespräch in Münster 2018 - "Mehr Kinderrechte? Nutzen und Nachteil" am Freitag, 23. Februar 2018

Auch in der vierten Auflage des Fachgesprächs wurde im kleinen Kreis aus Wissenschaft, Justiz und Politik der Boden der Auslegung des geltenden Rechts verlassen und gemeinsam darüber nachgedacht, wie ein modernes Familienrecht die sich ändernden gesellschaftlichen Anforderungen und rechtlichen Wertungen aufgreifen und umsetzen kann.In jüngerer Zeit wird vermehrt die Frage gestellt, ob das Familienrecht „mehr Kinderrechte“ verwirklichen sollte. Vieles ist dabei unklar: Welche Entscheidungen und Konflikte sollen eigentlich mit Kinderrechten bewältigt werden? Welche Entwicklungsrichtung und welche Struktur sollen Kinderrechte haben? Sind Kinderrechte eine ethisch unabweisbare Forderung, oder lässt sich das Eltern-Kind-Verhältnis ethisch zeitgemäß auch anders denken? Wo liegen die Schattenseiten von Kinderrechten? Kinderrechte müssen auch zur Geltung gebracht werden. Kann die Verstärkung von Eigenzuständigkeit dazu führen, dass wir dem Kind zu viel zumuten, es überfordern? Und schließlich: Bedeuten mehr Kinderrechte nicht auch „mehr Staat“ im Eltern-Kind-Verhältnis?

In unserem Fachgespräch hat uns zunächst Michael Coester unter dem Titel „Kinderrechte in der Rechtspraxis – Praktiken, Erfahrungen und Herausforderungen“ einen Einblick in die Erfahrungen und Herausforderungen der Rechtspraxis gegeben und insbesondere darüber aufgeklärt, in welchen Entscheidungssituationen Kinderrechte herangezogen werden oder herangezogen werden müssten. Anschließend überlegte Friederike Wapler in ihrem Vortrag „Kinderrechte in der Rechtsordnung – Eine Aufgabe für den Gesetzgeber?“, wo der rechtliche Standort von Kinderrechten sein könnte und ob „mehr Kinderrechte“ einer gesetzlichen oder verfassungsrechtlichen Verankerung bedürfen.

Unter der Überschrift „Kinderrechte: eine Überforderung?“ vermittelte Michael Schulte-Markwort dann aus seiner Erfahrung als Kinder- und Jugendpsychiater einen Eindruck davon, wie sich die Vorstellung von Kinderrechten auf die Entwicklung von Kindern auswirkt oder auswirken könnte und dass ein offener, auf Autonomie setzender Ansatz in der Kinderpsychiatrie gut funktioniert. Gerd Brudermüller erweiterte mit dem sich anschließenden Vortrag „Kinderrechte: ein ethisches Gebot?“ die Außensichten auf unsere Frage um die Perspektive der Ethik: Er erläuterte die Schwierigkeiten, die in der Ethik bei der Begründung der Einschränkungen der kindlichen Autonomie bestehen.

Schließlich entwarf Anne Röthel in ihrem Beitrag „Kinderrechte: ein dogmatisches Gebot?“ mögliche rechtliche Strukturen für eine Stärkung der Eigenzuständigkeit des Kindes und zeigte auf, wie diese sich auf die Gesamtarchitektur des Verhältnisses Eltern-Kind-Staat auswirken würde.