Vortrag von Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani im Kriminalwissenschaftlichen Kolloquium: Das Integrationsparadox

Die Integration von Migrantinnen und Migranten schreitet voran, sie gelingt so gut wie noch nie in der Geschichte – und genau deshalb kommt es gegenwärtig vermehrt zu Konflikten. Diese auf den ersten Blick womöglich überraschend anmutenden Thesen erläuterte Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani (Fachhochschule Münster, derzeit Leitender Ministerialrat im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen) in seinem Vortrag „Das Integrationsparadox – Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt“, den er am 9. Januar 2019 im Rahmen des Kriminalwissenschaftlichen Kolloquiums an der Universität Münster gehalten hat.

Ob bei Bildung, am Arbeitsmarkt oder in anderen Teilhabebereichen: El-Mafaalani führte aus, dass sich die Integration von Migrantinnen und Migranten, etwa der sogenannten Gastarbeiter und ihrer Nachkommen, in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verbessert habe. Auch die Integration von neu zugezogenen Geflüchteten gehe gegenwärtig schneller voran als zu früheren Zeiten, was beispielsweise in einem zügigeren Spracherwerb zum Ausdruck komme. Dass die Wahrnehmung zum Teil eine andere sei, liege unter anderem daran, dass mit der Verbesserung der Situation auch die Erwartungshaltung steige – auf Seiten der Aufnahmegesellschaft wie auch auf Seiten der Migranten. So empfänden beispielsweise besser integrierte Migranten(-nachkommen) objektive Benachteiligungen eher als diskriminierend als neu Zugezogene.

Als weitere Folge von gelingender Integration, so El-Mafaalani, komme es vermehrt zu Konflikten, die zunächst einmal ein positives Zeichen seien und die Gesellschaft voranbrächten. Die immer besser gesellschaftlich eingebundenen Einwanderer(-nachkommen) wollten nunmehr nicht nur Teilhabe, sondern zunehmend auch Mitsprache, was zu neuen Kontroversen und auf Seiten der etablierten Bevölkerung zum Teil zu Abwehrhaltungen führe. Es sei daher kein Zufall, dass gegenwärtig in vielen Aufnahmegesellschaften in besonders vehementer Weise politische Konflikte um Migration und Integration ausgetragen würden. Die wesentliche politische Konfliktachse verlaufe momentan weniger zwischen „links“ und „rechts“, sondern zwischen „offen“ und „geschlossen“.

Prof. Dr. El-Mafaalani eröffnete mit seinen Thesen einen frischen Blick auf eine häufig stark defizitorientierte Debatte um Migration und Integration. Zugleich regte er zu kritischen Nachfragen und Diskussionen an: Ist es wirklich ein Gewinn, wenn zum Beispiel Fortschritte im Geschlechterverhältnis in Frage gestellt werden, etwa von Seiten der „Neuen Rechten“ oder von Vertretern eines konservativen Islams? Und wie kann es gelingen, Konflikte so auszutragen, dass sie die Gesellschaft nicht auseinandertreiben? El-Mafaalani zeigte sich auch diesbezüglich eher optimistisch, wies aber darauf hin, dass sich vor dem Hintergrund des zunehmenden Einflusses „sozialer Medien“ eine konstruktive Debattenkultur erst (wieder) herausbilden müsse.