Die Rechtswissenschaftliche Fakultät der WWU trauert um ihren Kollegen Werner Krawietz, der am 27. August 2019 im Alter von 85 Jahren verstorben ist.

 

Herr Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. mult. Krawietz wurde 1933 im schlesischen Beuthen geboren. Nach dem Abitur im niedersächsischen Quakenbrück studierte er von 1954 bis 1957 Rechtswissenschaften, Philosophie und Soziologie in Münster, Freiburg und Graz. Nach dem ersten juristischen Staatsexamen am OLG Hamm absolvierte Herr Krawietz auch das volkswirtschaftliche Examen in Graz. 1960 wurde er in Graz zum Dr. rer. pol. promoviert. Nach dem zweiten Staatsexamen im Jahre 1963 wurde er sodann 1965 in Münster auch noch zum Dr. iur. promoviert. 1964-1966 war er persönlicher Referent des Rektors der Westfälischen Wilhelms-Universität, von 1966-1974 wissenschaftlicher Assistent am Institut für Öffentliches Recht und Politik. Die Rechtswissenschaftliche Fakultät habilitierte ihn 1974 und verlieh ihm die venia legendi für Öffentliches Recht, Rechtstheorie und Rechtssoziologie und ernannte ihn noch im selben Jahr zum wissenschaftlichen Rat und Professor für Allgemeine Rechtstheorie und Rechtsphilosophie mit Öffentlichem Recht. 1979 wurde er zum ordentlichen Professor ernannt und übernahm den Lehrstuhl für Rechtstheorie, Rechts- und Sozialphilosophie und damit die Nachfolge seines Lehrers Helmut Schelsky. Bereits von 1980 bis 1982 stand er der Rechtswissenschaftlichen Fakultät als Dekan vor. Sein Engagement für die Fakultät ging aber weit darüber hinaus, u.a. als Direktor des Zentralinstituts für Raumplanung. Auch nach seiner Emeritierung 1999 blieb er in der Fakultät aktiv. 

In der Forschung und Lehre genoss Herr Krawietz ein außerordentlich hohes Ansehen und hat schon früh internationale Beziehungen aufgebaut und den wissenschaftlichen Austausch gefördert. 1982 wurde er zum Professeur à la Faculté europèenne des Sciences du Foncier in Straßbourg ernannt. Zudem baute er einen intensiven Austausch mit der Akademischen Rechtsuniversität und dem dortigen Institut für Staat und Recht in Moskau auf und gründete in Münster das Internationale Zentrum für Deutsch-russische Rechtsstudien. Er war Ehrendoktor der Universität Helsinki und der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest, die ihn zugleich auch zu ihrem Honorarprofessor machte. Zudem war er als einziger Deutscher Vollmitglied der Finnischen Akademie der Wissenschaften, später auch der Russischen Akademie der Wissenschaften, die ihn 1998 mit einer weiteren Ehrendoktorwürde auszeichnete. Herr Krawietz fungierte zudem als langjähriger Herausgeber und geschäftsführender Redaktor der Zeitschrift „Rechtstheorie“, an deren Gründung 1970 durch Karl Engisch, H.L.A. Hart, Hans Kelsen, Ulrich Klug und Sir Karl R. Popper er beteiligt war und die sich zu einem weltweit führenden Organ in der Rechtstheorie entwickelt hat. Viele Jahre hat er zudem im Vorstand der Internationalen Vereinigung für Rechts- und Sozialphilosophie mitgewirkt. 

Bereits aus Anlass seines 60. Geburtstages 1993 ehrten ihn Kollegen und Freunde mit einer Festschrift, die den Titel „Rechtsnorm und Rechtswirklichkeit“ trägt. Seine Strahlkraft für Münster zeigt sich auch darin, dass zwei weitere Festschriften zum 70. und zum 80. Geburtstag folgen sollten, die die Titel „Theorie des Rechts und der Gesellschaft (2003) sowie „Positivität, Normativität und Institutionalität des Rechts“ (2013) erhielten. Mit der Positivität des Rechts wird an Krawietz’ rechtswissenschaftliche Dissertation zum Thema „Das positive Recht und seine Funktion. Kategoriale und methodologische Überlegungen zu einer funktionalen Rechtstheorie“ angeknüpft. Da für Krawietz aber eine auf das positive Recht begrenzte rechtswissenschaftliche Forschung zu kurz griff, hat er sich schon früh mit seinen Forschungen dem komplexen Verhältnis von Normativität, Positivität und Faktizität des Rechts gewidmet und war damit einer der bedeutendsten Vertreter der Rechtstheorie sowie der rechtswissenschaftlichen Grundlagenforschung und damit ein Leuchtturm für Münster. In seinem umfangreichen wissenschaftlichen Oeuvre ging es vor allem um das Verhältnis von Rechtsnormen und Rechtsbegriffen zur gesellschaftlichen Wirklichkeit, d.h. um die Frage nach den sozialstrukturellen Voraussetzungen und den Funktionen staatlich organisierter Rechtssysteme.

Die Fakultät wird sich an Werner Krawietz immer mit großer Hochachtung erinnern.

Prof. Dr. Klaus Boers

Dekan