Thomas Gutmann: Kritik des Erbrechts

„There ist nothing wrong with unearned wealth, except that not everyone has it“ (Philippe van Parijs).

Am Dienstag, 12.11. führte Thomas Gutmann die Ringvorlesung „Zwecke des Privatrechts“ im Wintersemester 2019/20 fort und nahm dabei das Erbrecht kritisch unter die Lupe.

Gutmann beschrieb eingangs das fünfte Buch des BGB knapp als „praktisch makelloses Gesetz“, in dem „einfach alles“ passe, es gebe weitgehend „keine Inkonsistenzen und vor allem kein Verbraucherrecht“. Gutmann befasste sich in seinem Vortrag nicht etwa mit der Dogmatik des Erbrechts. Vielmehr wandte er sich der Kritik zu, die das Erbrecht über Jahrhunderte hinweg aus rechtsexterner Perspektive erfahren hat und heute noch erfährt. Im Zentrum seines Vortrags stand die Frage, mit welchen sozialen und ökonomischen Kosten ein Erbrecht deutschen Typs einhergehe. Dazu widmete er sich sechs zentralen Problemfeldern: Gleichheit, Effizienz, Leistung und Willkür, Freiheit, Demokratie und Chancengleichheit.

Gutmann setzte sich detailliert mit teils sehr kontroversen Thesen auseinander. Dabei stellte er Perspektiven liberaler und libertärer Gesellschaftsauffassungen einerseits (pointiert etwa Nozicks These, die Besteuerung für Wohlfahrsinteressen anderer sei mit Zwangsarbeit gleichzusetzen) und marxistischer und egalitärer Strömungen andererseits gegenüber. Er hinterfragte, was im Erbrecht vernünftig sei und wie das Erbrecht auch vor dem Hintergrund unserer Verfassung ausgestaltet werden könnte. Dabei wies er nachdrücklich darauf hin, dass Vermögenskonzentrationen als Machtkonzentrationen sogar zu Demokratiedefiziten führen können. Er betonte zudem die schwerwiegenden Folgen ungleicher Vermögensverteilung in einer Gesellschaft – auch hinsichtlich der Chancen und Perspektiven einzelner Gesellschaftsmitglieder.