Rechtswissenschaft und Europäisches Privatrecht

Prof. Dr. Nils Jansen setzte am Dienstagabend, den 21.01., den Schlusspunkt der Ringvorlesung "Zwecke des Privatrechts" im Wintersemester 2019/20. Er vertiefte dabei seine Gedanken zur Rolle der Rechtswissenschaft im Hinblick auf die Entwicklung eines gemeinsamen europäischen Privatrechts.

Einleitend beschäftigte sich Jansen mit dem Verhältnis von Rechtswissenschaft und Rechtspraxis und zeichnete die historische Entwicklung dieser Beziehung seit dem 19. Jahrhundert nach. Die historische Schule habe sich noch überwiegend an der abstrakten System- und Regelbildung versucht, während sich Anfang des 20. Jahrhunderts das Forschungsinteresse schlagartig auf die seit 1900 geltende Kodifikation des BGB gerichtet habe. Heute orientiere sich die Rechtswissenschaft überwiegend an der gerichtlichen Praxis. Diese Entwicklung zeige sich auch am Aufstieg der praktisch handhabbaren und auf eine vollständige Behandlung aller Einzelregelungen bedachten Kommentare ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig schwinde die Relevanz systematisch ordnender Lehrbücher zunehmend. Eindringlich und teils provokativ warnte Jansen davor, dass sich die universitäre Rechtswissenschaft damit zur bloßen Expertise degradiere und ihren Impetus als modell- und systembildende Wissenschaft verliere. Als Rettungsanker porträtierte Jansen hingegen die europäische Privatrechtswissenschaft. Diese habe mit ihren rechtsvergleichenden und systematisch geordneten Kodifikationen (bspw. PECL oder UNIDROIT) die Grundlage für die Herausbildung einer genuin europäischen Rechtsordnung gelegt.

Die anschließende leidenschaftlich wie kritisch geführte Debatte bildete einen erfreulichen Abschluss für die Ringvorlesung im Wintersemester 2019/20.