Kriminalwissenschaftliches Kolloquium über die Herausforderungen der Polizeiarbeit

Am Mittwoch, den 21. Juni 2017 hat Dr. Daniela Hunold von der Deutschen Hochschule der Polizei  (Münster-Hiltrup) im Rahmen des Kriminalwissenschaftlichen Kolloquiums über die „Polizei in der multi-ethnischen Stadt“ referiert. Der Vortrag handelte von den Herausforderungen der Polizeiarbeit in multi-ethnischen Großstädten, den wechselseitigen Wahrnehmungen von Polizeibeamten und Angehörigen ethnischer Minderheitengruppen sowie den Erscheinungsformen ungleichbehandelnder Polizeipraktiken.

Ein Kernthema des Vortrages bildeten die Legitimität und das Vertrauen in die Polizeiarbeit. Das Vertrauen wird durch zahlreiche Faktoren beeinflusst, unter anderem das Alter, das Stadtviertel, den sozio-ökonomischen Status, persönliche oder indirekte Erfahrungen mit der Polizeipraxis  sowie die ethnische Zugehörigkeit.

Medial bekannt gewordene Vorfälle diskriminierenden Polizeihandelns werfen wiederkehrend die Frage nach dem Verhältnis von Polizei zu Menschen mit Migrationshintergrund auf. Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrages lag deshalb auf dem Thema des rechtlich verbotenen ethnic profiling. Zunächst erfolgte ein kurzer Einblick in die internationale Forschung. Studien aus Großbritannien und den USA belegen, dass es dort zu solchen Vorgehensweisen durch die Polizei kommt. Hingegen gibt es in Deutschland bislang wenig empirische Forschung über die Polizeiarbeit sowie über diskriminierende Polizeipraktiken. Eine der wenigen Ausnahmen bildet ein in Deutschland und Frankreich durchgeführtes und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Forschungsprojekt, an welchem Daniela Hunold mitgewirkt hat.

Dabei wurden zum einen in Lyon und Grenoble sowie in Köln und Mannheim insgesamt 7000 Schülerinnen und Schüler nach ihren Erfahrungen mit vor allem auch anlasslosen Polizeikontrollen gefragt. Ein zentrales Ergebnis des Forschungsprojektes war, dass in Deutschland ein Großteil der Befragten, nämlich 57 Prozent, in den letzten zwölf Monaten keinen Kontakt mit der Polizei hatten, und kein signifikanter Unterschied zwischen der Kontrollhäufigkeit bei Personen mit bzw. ohne Migrationshintergrund beobachtet und mithin (von Einzelfällen abgesehen) keine überproportionale Kontrolle von sichtbaren Minoritäten festgestellt werden konnte. In Frankreich hingegen sticht der deutlich höhere Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund ins Auge, die häufige Polizeikontakte berichtet haben. Diese Ergebnisse könnten auf eine ethnisch diskriminierende Praxis der französischen Polizei hindeuten, auch wenn noch zu prüfen bleibt, welche Arten von Polizeikontakten im Einzelnen berichtet wurden und von welchen weiteren Einflussfaktoren die Häufigkeit der Kontakte abhängen.

Die von Daniela Hunold selbst durchgeführte, ethnographisch angelegte Teilstudie zum Verhältnis von Polizei und Minderheiten ergab, dass Legitimitätsprobleme im Polizeihandeln insbesondere an Orten und in Situationen auftreten, in denen es nicht um die Durchsetzung von konkreten Verhaltensregeln geht, sondern beispielsweise um anlasslose Kontrollen an Bahnhöfen zur Aufdeckung illegaler Einreisen. Als vorteilhaft gegenüber Frankreich wurde der hierzulande übliche Einsatz von Bezirksbeamten eingestuft, die für eine bürgernahe Polizeiarbeit stehen.

In dem abschließenden Ausblick wurde darauf hingewiesen, dass eine Verbesserung der Aus- und Weiterbildungsstrukturen erfolgen müsste, damit kulturelle Kompetenzen und Probleme des ethnic profiling nicht bloß vereinzelt, sondern umfassend an alle Polizisten vermittelt werden können. Zumal alle bisherigen Studien belegen, dass ein Vorgehen im Rahmen des ethnic profiling im Gegensatz zu anlass- und verhaltensorientierten Kontrollen nicht effektiv sei und nur zu wenigen weiterführenden strafrechtlichen Ermittlungen führe. Schließlich plädierte die Kriminologin für eine ausgeprägtere Fehlerkultur bei der Polizei, also für eine Verbesserung der Sensibilität und einen offeneren, zu Verbesserungen führenden Umgang mit Fehlern.

In der sehr angeregten Diskussion, an der zahlreiche in der Polizeiausbildung Lehrende sowie auch Polizeipraktiker teilnahmen, wurde insbesondere über die Notwendigkeit der Änderung der polizeilichen Aus- bzw. Weiterbildung sowie über die Hintergründe des sich erst in jüngerer Zeit erhöhenden Anteils von Migranten(-nachkommen) in der Polizei gesprochen.