Im Rahmen dieser Untersuchung wurden von 2002 bis 2019 gemeinsam mit Prof. Dr. Jost Reinecke (Universität Bielefeld) fast 3500 Jugendliche in Duisburg befragt. Diese beantworteten vom 13. bis zum 30. Lebensjahr zunächst jedes Jahr und später alle zwei Jahre Fragen zu selbst begangenen Delikten (Täterbefragung) sowie Einstellungen, Werten und Lebensstilen. Ziel dieser Grundlagenuntersuchung ist es, Einblicke in die Entstehung und den Abbruch von Delinquenzverläufen zu bekommen, die vom späten Kindes- bis ins frühe Erwachsenenalter reichen. Neben dem Dunkelfeld der Delinquenz wurden zusätzlich auch (Hellfeld-)Daten über Verurteilungen und Verfahrenseinstellungen ausgewertet.
Es habe sich gezeigt, dass gelegentliche Diebstahls- oder einfache Gewaltdelikte vom späten Kindes- bis zum mittleren Jugendalter vor allem unter Jungen (bis zu 28 bzw. 25 Prozent), aber auch unter Mädchen (bis zu 22 bzw. 14 Prozent) nicht ungewöhnlich seien (Ubiquität). Für die allermeisten Jugendlichen ende die gelegentliche Deliktsbegehung allerdings ab dem Ende des Jugendalters, wobei dies für Mädchen früher gelte als für Jungen. Dieser als Spontanbewährung bezeichnete Rückgang sei ein Zeichen für eine gelungene Normsozialisation und eine gut funktionierende Gesellschaft. Er erfolge weitgehend ohne formelle Kontrolle und sei das Ergebnis einer erfolgreichen Selbstregulation innerhalb der Gesellschaft durch Familie, Freunde und Schule.
Kriminologisch sowie für die Kriminalpraxis und Kriminalpolitik besonders bedeutsam und durchaus problematisch sei die kleine Gruppe der Intensivtäter (5% bis 7% einer jugendlichen Altersgruppe). Sie begehe die Hälfte aller Delikte sowie drei Viertel der Gewaltdelikte ihrer Altersgruppe. Während bis in die 1990er Jahre sogar von einer lebenslangen Kontinuität der Intensivtäterschaft ausgegangen wurde, könnten neuere Forschungsergebnisse dies nicht bestätigen. Auch führe, anders als ursprünglich angenommen, eine frühe Intensivtäterschaft nicht zwangsläufig zu einer anhaltenden delinquenten Entwicklung. Denn immerhin die Hälfte der im späten Kindesalter intensiv Auffälligen begehe schon in den folgenden Jugendjahren deutlich weniger Straftaten. Und auch die allermeisten der weiterhin aktiven Intensivtäter begännen schon ab dem späten Jugendalter mit dem Abbruch ihrer Delinquenz. Diese auch international bestätigten Befunde stützen die These, dass präventive Maßnahmen und Behandlungsprogramme auch Intensivtäter zur Umkehr bewegen können.
In Bezug auf justizielle Interventionen wies Boers darauf hin, dass Jugendliche soziale Normen vor allem dann akzeptieren, wenn die Gesellschaft pädagogisch angemessen auf Regelverletzungen reagiere. Mit Blick auf die Spontanbewährung sei in den allermeisten Fällen staatliches Handeln nicht notwendig, weshalb es begrüßenswert und sinnvoll sei, dass Staatsanwaltschaften und Gerichte durch die Diversion die Möglichkeit hätten, die erzieherische Intervention den Eltern, Lehrern und anderen Gruppen zu überlassen. Der Kontakt mit der Polizei oder Justiz habe hingegen nur selten eine unmittelbare Wirkung auf die weitere Delinquenz. Er könne sogar kontraproduktiv sein, wenn dadurch der

Zusammenhalt in delinquenten Cliquen sowie delinquente Einstellungen verstärkt würden. Und wer der Justiz bekannt sei, habe – unabhängig vom tatsächlichen Ausmaß seiner weiteren Taten – ein höheres Risiko, erneut kontrolliert zu werden.
Im Rahmen der schulischen Prävention betonte Boers die Bedeutung einer guten Schüler-Lehrer Beziehung, welche, vermittelt über Normorientierungen, unabhängig von Eltern oder Freunden, konforme Einstellungen fördere. Besonders hilfreich seien gute, auf Empathie und Vertrauen gestützte Beziehungen zwischen Schülern und Lehrern. Vor allem Klassenlehrer sollten deshalb neben der Wissensvermittlung auch als Pädagogen agieren, weshalb eine kriminologische Grundausbildung wünschenswert wäre.
In der Präsentation wurde deutlich, wie vielschichtig das Thema Jugenddelinquenz ist. Um sich mit den einzelnen Phänomenen noch einmal vertiefender zu beschäftigen, wird auf die Website der Studie (www.crimoc.org) sowie auf den von Klaus Boers und Jost Reinecke herausgegebenen Sammelband „Delinquenz im Altersverlauf – Erkenntnisse der Langzeitstudie Kriminalität in der modernen Stadt“ verwiesen.
Dipl. Jur. Hannah Wittbrodt, Wissenschaftliche Mitarbeiterin