Kriminalwissenschaftlichen Kolloquium vom 08. November 2017

Am 08. November 2017 hielt Frau Gina Rosa Wollinger vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen e. V. (KFN) im Rahmen der Veranstaltungsreihe des Kriminalwissenschaftlichen Kolloquiums einen Vortrag zum Thema „Phänomen Wohnungseinbruch – Entwicklung, Strafverfolgung und die Perspektive reisender Täter“. Grundlage waren die Ergebnisse dreier Forschungsstudien, die die Referentin in den zurückliegenden fünf Jahren am KFN durchgeführt hatte.

Frau Wollinger erläuterte zunächst den Hintergrund der Studien. Ausweislich der Polizeilichen Kriminalstatistik sei die Anzahl der in Deutschland verübten Wohnungseinbrüche in den letzten Jahren im Gegensatz etwa zur Gewaltkriminalität deutlich angestiegen. Zugleich sei die Aufklärungsquote in diesem Bereich gering: In denen in Bezug genommenen fünf deutschen Großstädten variiere sie zwischen 8,2 und 24,3 %. An dieser Stelle machte sie sogleich auf ein häufig anzutreffendes Missverständnis aufmerksam. Entgegen landläufiger Erwartungen gebe die Aufklärungsquote gerade keine Auskunft über die Anzahl der am Ende eines Strafverfahrens tatsächlich verurteilten Täter. Vielmehr gebe sie lediglich zu erkennen, in wie vielen Fällen die Polizei eine aus ihrer Sicht tatverdächtige Person habe identifizieren können. Bei einem Blick auf die davon insofern zu unterscheidende Verurteilungsquote würden die Unterschiede denn auch eingeebnet; sie stagniere in allen untersuchten Städten bei ungefähr 2 %. Ursache sei die regelmäßig prekäre Beweissituation. Da Wohnungseinbrüche schnell vonstattengingen, seien überwiegend keine Zeugen vorhanden. Selbst wenn stattdessen DNA-Material habe gesichert werden können, ginge dessen Auswertung oft nur schleppend voran. Sei die Tat von sog. reisenden Tätern verübt worden, sei die Verurteilungswahrscheinlichkeit folglich denkbar gering.

Auf die Analyse dieser Tätergruppe legte Frau Wollinger im weiteren Verlauf des Vortrags ihren Schwerpunkt. Im Design einer qualitativen Interviewstudie ist es ihr gelungen, 30 solcher verurteilten Täter in unterschiedlichen JVAs Deutschland unter Einbeziehung geschulter Muttersprachler-/ innen zu ihren Motiven und Tatmustern zu befragen. Unter reisenden Tätern seien dabei Personen zu verstehen, die ihren Wohnsitz außerhalb Deutschlands – vornehmlich in osteuropäischen Ländern – hätten und das Land nur kurzfristig beträten, um möglichst viele Wohnungseinbrüche zu begehen. Bei den Interviews wurde deutlich: Auch unter reisenden Tätern gibt es nicht den Tätertypen. Tatsächlich gestaltet sich die Situation komplexer. So würden Wohnungseinbrüche einerseits aus ökonomischen Notlagen heraus begangen; diese Täter empfänden im Nachhinein – wenn ihnen auch die psychischen Folgen der Tat für die Opfer häufig nicht bewusst seien – Reue angesichts des zugefügten finanziellen Schadens. Andererseits gebe es Täter, die in Wohnungseinbrüchen eine günstige Gelegenheit zu „schnellem Geld“ erblickten, um ihren im Heimatland mitunter luxuriös geführten Lebensstil zu finanzieren. Wieder andere betrachteten die Taten als ihren „Beruf“; sie würden bereits in ein deviantes Lebensumfeld hineingeboren und in einer Art Lehrer-Schüler-Verhältnis zu Einbrechern gleichsam „ausgebildet“. Solche Täter zeigten sich nicht reumütig und sähen ihre Inhaftierung eher als Berufsrisiko denn als Strafe für vorangegangenes Verhalten an. Die Tatmuster reichten wiederum von der Wahrnehmung einer günstigen Gelegenheit bis hin zu gezielten Auftragseinbrüchen oder solchen aufgrund von „Tipps“.

In der sich anschließenden regen Diskussion unter Leitung von Prof. Dr. Heghmanns wurden unter anderem denkbare Präventionsmaßnahmen erörtert. Frau Wollinger verwies auf mechanische Sicherungsvorkehrungen; hier seien auch staatliche Förderungen denkbar. Technische Sicherungsmaßnahmen wie Videoüberwachungen würden dagegen nur bei sehr vorsichtigen Tätern den gewünschten Abschreckungseffekt erzielen. Viele Täter gingen dem dadurch erhöhten Entdeckungsrisiko nämlich schlicht durch Auswahl entsprechender Kleidung und Maskierungen aus dem Weg.