Interview mit Prof. Dr. Nora Markard

© Steffen Weigelt

1. Was war für Sie der ausschlaggebende Grund, dem Ruf an die WWU zu folgen?

Ein Grund war sicherlich die Lust auf Neues – dass ich mich in Münster ganz neu aufstellen muss, das hat mich gereizt. Das wichtigste war mir aber, dass die WWU eine Universität ist, in der Interdisziplinarität und Internationalität auch in der Rechtswissenschaft gelebt wird. Viele Kollegen und Kolleginnen sind beispielsweise am Exzellenzcluster „Politik und Religion“ beteiligt, ein Thema, das mich als Verfassungsrechtlerin sehr interessiert, oder am neuen Sonderforschungsbereich „Recht und Literatur“. Wichtig war mir allerdings auch der sehr gute Ruf der Studierendenschaft – als anspruchsvoll und ebenso politisch wie fachlich engagiert. Und ich liebe es, dass Münster eine Fahrradstadt ist!

 

2. Erzählen Sie uns von Ihrer Studienzeit. Was hat Sie aus heutiger Sicht besonders geprägt?

Zum Einen war ich im Studium viel unterwegs, zum anderen habe ich mir immer Zusammenhänge außerhalb des Jurastudiums gesucht. Beides hat mir gewissermaßen Blicke von außen auf das Recht verschafft. Jura allein war mir von Anfang an zu wenig; daher habe ich mir Theorie-Lesekreise gesucht, mich im AStA und beim BAKJ engagiert, mich in Politik-Vorlesungen und Seminare gesetzt und Veranstaltungen mitorganisiert. Mein Erasmus-Jahr in Paris hat mir dann gezeigt, wie kontingent Rechtsordnungen sich entwickeln – wie sie erkämpft, ausgehandelt, tradiert werden; in London habe ich gelernt, wie politisch das Völkerrecht ist und warum es trotzdem Sinn macht, es als Recht zu betrachten. Die Gleichzeitigkeit von innen und außen ist mir weiterhin wichtig; Recht spiegelt einerseits gesellschaftliche Verhältnisse, es hat aber auch das Potenzial sie zu verändern. Wer mit Recht arbeiten will, muss sich darauf einlassen – aber interdisziplinäre Perspektiven helfen dabei, nicht betriebsblind zu werden.

 

3. Wie sind Sie zu Ihren Schwerpunkten (Verfassungsrecht und Verfassungsvergleichung, Völkerrecht, insb. internationales Flüchtlingsrecht, Menschenrecht und Internationales Strafrecht, Migrationsverwaltungsrecht einschl. gemeinsames Europäisches Asylsystem, Kritische Rechtsforschung, insb. Legal Gender Studies) gekommen? Woher kommt Ihr Interesse für diese Rechtsgebiete?

Das Öffentliche Recht hat mich schon im Studium am meisten interessiert. Hier geht es um gesellschaftliche Grundverständnisse, um Gerechtigkeit, Autonomie und Solidarität, um die Aushandlung von Interessen und Macht – sei es zwischen Regierung und Opposition oder zwischen globalem Norden und globalem Süden. Was gibt es Spannenderes? Das Flüchtlingsrecht habe ich in London kennengelernt. Hier kumulieren diese Fragen geradezu: Wer hat das Recht, wen auszuschließen, wer hat ein Recht auf Zugang? Was ist der Rechtsstaat an der Grenze wert? Wie gehen wir mit den Schwächsten um, die vor genau den Verletzungen fliehen, für die wir die ganzen Menschenrechte mal entwickelt haben? Diese Fragen lassen mich nicht mehr los. Die Rechtsvergleichung habe ich quasi aus Paris mitgebracht; bei Susanne Baer, die gerade ein Casebook Comparative Constitutionalism mitverfasst hatte, konnte ich dieses Interesse vertiefen. Hier habe ich auch die Legal Gender Studies kennengelernt. Sie fragen danach, wie das Recht die Geschlechterordnung normiert und normalisiert, aber auch wie unterschiedlich ein als neutral gedachtes Recht für Menschen wirkt, die in dieser Geschlechterordnung sehr unterschiedliche Lebensrealitäten haben. Diese Forschungsperspektive ist unverzichtbar für das Nachdenken über das Recht auf Gleichheit in Verschiedenheit. Das ist ja eine Grundvoraussetzung für unser Konzept von Demokratie: die Begegnung unter Freien und Gleichen, wie es meine Kollegin Anna Katharina Mangold formuliert.

 

4. Was liegt Ihnen im Bereich der Lehre besonders am Herzen?

Mir ist wichtig, gemeinsam mit den Studierenden ein echtes Verständnis des Rechts zu erarbeiten – nicht nur Klausurwissen, sondern ein systematisches Verständnis davon, wie die Dinge zusammenhängen, welche Funktion bestimmte rechtliche Regelungen haben, welche Konzepte dahinterstehen, welche Alternativen es dazu gäbe. Und mir ist wichtig, dass sie ein Verständnis ihrer gesellschaftlichen Verantwortung entwickeln. Juristinnen und Juristen besetzen gesellschaftliche Schlüsselpositionen, nicht nur in der Politik und Justiz, sondern auch in der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft. Sie haben Einfluss, sie haben Macht – und oft kennen sie das aufgrund ihres familiären Hintergrunds gar nicht anders. Clinics sind da zum Beispiel ein wichtiges Mittel, um nicht nur Zugang zum Recht zu schaffen, sondern auch Studierende mit anderen gesellschaftlichen Realitäten zu konfrontieren, in denen das Recht auch mal nicht funktioniert, sogar ungerecht erscheint, wenn man merkt wie weit das Leben mancher Menschen von der juristischen Normalperson entfernt ist. Das Erschrecken vor dem Recht, der Zorn über Ungerechtigkeit ist wichtig, wenn man später in der Position ist, Recht zu gestalten.

 

5. Haben die aktuellen Entwicklungen (die Corona-Krise/der Brexit) in der EU konkreten Einfluss auf ihre Forschung?

Ja, klar – die Situation in den Flüchtlingslagern an den EU-Außengrenzen, z.B. in Moria, ist seit Jahren untragbar, und nun kommt noch die Furcht vor Covid-19 dazu, während im Schatten der Pandemie illegale Pushbacks kaum noch Aufmerksamkeit erregen. Und meine Habilitation befasst sich mit dem Recht auf Gesundheit!

 

6. Möchten Sie auf ein besonderes Projekt an Ihrem Lehrstuhl aufmerksam machen, das insbesondere auch für die Studierenden interessant sein könnte? Forschen Sie gerade zu einem bestimmten Thema, auf das gerne besonders aufmerksam machen würden?

Für die Studierenden interessant ist vermutlich besonders der Clinic-Austausch mit der Columbia Law School; den haben wir in Hamburg aufgebaut, von beiden Unis fährt jeweils eine kleine Gruppe eine Woche in die andere Stadt, um dort ein asylrechtliches Pro-bono-Projekt durchzuführen. Das werde ich auch aus Münster weiterführen, und diesen März sollten eigentlich erstmals zwei Studierende aus Münster mit nach New York fahren. Aufgrund der Pandemie mussten wir dieses Projekt leider kurzfristig absagen, aber wir werden alles daransetzen, es nächstes Jahr wiederzubeleben!