Gott Recht machen. Katholisches Lehramt und moderner Verfassungsstaat

Als am 2. Juli 2019 Prof. Dr. Hubert Wolf, Direktor des Seminars für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, Leibniz-Preisträger und Vorstandsmitglied des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ während der ersten Förderphase, unter dem Titel „Gott Recht machen“ über das wechselvolle Verhältnis von katholischem Lehramt und modernem Verfassungsstaat sprach, wurde die bewusst interdisziplinär ausgerichtete Ringvorlesung „Bedingungen der religiösen Moderne. 100 Jahre Religionsverfassungsrecht in Deutschland“ um eine kirchengeschichtliche Perspektive bereichert.

Wie in einem Brennglas zeigte sich die Spaltung der deutschen Katholiken auf dem Katholikentag 1922. Während Kardinal Faulhaber stellvertretend für die deutschen Bischöfe die Revolution von 1918 nicht nur als „Meineid“ und „Hochverrat“ geißelte, sondern auch mit der verfassungstreuen Zentrumspartei abrechnete, verteidigten die Zentrumpolitiker Joseph Mausbach und Konrad Adenauer den pluralistischen Verfassungsstaat, der für die katholische Kirche einen erheblichen Autonomiegewinn bedeutete.

Papst Pius XI. stellte sich auf die Seite Faulhabers und berief sich dabei auf das lehramtliche Staatsverständnis, das nicht-monarchische Staatsformen nur duldete, soweit sie transzendental begründet waren. Die auf dem Prinzip der Volkssouveränität ruhende und dezidiert säkular begründete Weimarer Reichsverfassung stieß deshalb sowohl in Rom als auch unter deutschen Bischöfen auf Ablehnung. Darüber hinaus erregte Anstoß, dass das kirchliche Selbstverwaltungsrecht unter die Schranken des „für alle geltenden Gesetzes“ gestellt (Art. 137 Abs. 5 WRV) und den Kirchen die Schulaufsicht entzogen wurde (Art. 143-149 WRV). Papst Pius XII., der sich während seiner Nuntiatur in der Weimarer Republik pragmatisch verhalten hatte und dessen Nuntiaturberichte von Prof. Wolf in einer kritischen Online-Edition zugänglich gemacht wurden, entwickelte als Papst eine Naturrechtslehre, die sich insoweit gegen den Rechtspositivismus richtet, als sich dieser über das gottursprüngliche Naturrecht erhebt.

In der Moderne gab es indes keinen Einheitskatholizismus. Vielmehr war der Katholizismus in ultramontane und liberal-progressive Gruppen gestalten. Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts gewann der ultramontane Flügel die Oberhand, gipfelnd im Syllabus errorum aus 1864, in dem Papst Pius IX. wesentliche Errungenschaften des modernen Verfassungsstaats wie die Volkssouveränität oder die Religionsfreiheit als falsch verurteile. Die Anerkennung der Religions- und Gewissensfreiheit im II. Vaticanum und damit der Schritt vom „Recht der Wahrheit“ zum „Recht der Person“ bedeutet deshalb einen Bruch mit der lehramtlichen Tradition, weshalb eine „Hermeneutik der Kontinuität“ abzulehnen ist.

In der von Prof. Dr. Oliver Lepsius moderierten Diskussion wurde unter anderem über die Tradition des politischen Katholizismus seit 1848, das Verhältnis von außerordentlichem und ordentlichem Lehramt und die Notwendigkeit gesprochen, im Hinblick auf die kirchliche Sexualmoral zu einem Naturverständnis zu kommen, das eine neuscholastische Imprägnierung hinter sich lässt.

Die Ringvorlesung „Bedingungen der religiösen Moderne. 100 Jahre Religionsverfassungsrecht in Deutschland“ des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster verbindet verfassungsrechtliche, historische, theologische und sozialwissenschaftliche Perspektiven. Anlässlich der Verfassungsjubiläen 1919 und 1949 untersuchen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Entwicklung des Religionsverfassungsrechts in Deutschland von der Weimarer Reichsverfassung 1919 bis heute, beleuchten aber auch die Situation in anderen Ländern wie etwa Frankreich, Österreich oder USA.

Die Vorträge finden immer dienstags von 18.15 bis 19.45 im Hörsaal Jur 3 des Juridicums, Universitätsstraße 14–16, in Münster statt. Weiter Informationen finden Sie auf der Website des Exzellenzclusters „Religion und Politik“.