Die Vergrundrechtlichung des Religiösen

Mit einem Vortrag von Privatdozentin Dr. Astrid Reuter unter dem Titel „Die Vergrundrechtlichung des Religiösen“ ist am Dienstag den 10. Juli die Ringvorlesung „Bedingungen der religiösen Moderne – 100 Jahre Religionsverfassungsrecht in Deutschland“ zu Ende gegangen.

Die Moderation der Veranstaltung erfolgte durch Prof. Wittreck, der zunächst die Vortragende vorstellte. Als studierte Theologin und promovierte und habilitierte Religionswissenschaftlerin bot sie eine interdisziplinäre Sichtweise auf ihr Vortragsthema.

Der Vortrag stellte die These auf, dass Konflikte im religiösen Lebensbereich in der historischen Entwicklung immer mehr auf dem Gebiet des Rechts verordnet würden und man diesen Prozess deswegen als „Vergrundrechtlichung“ bezeichnen könne.

Dazu stellte Frau Dr. Reuter zunächst den historischen Kontext dar, der dazu geführt hat, dass das gesamte soziale Leben durch immer mehr neugeschaffene rechtliche Regelungen geprägt und somit quantitativ „verrechtlicht“ wurde. Dabei wies sie auf die enge Verknüpfung zwischen der Entwicklung kanonischen Rechts und dessen Auswirkung auf den modernen europäischen Staat hin. Die Kirche sei vorangeschritten und habe mit dem kanonischen Recht ihr Selbstverständnis als souveräne Macht zum Ausdruck gebracht. Mit Erstarken des modernen Staates kam es zu Konflikten, die ihren Höhepunkt in den Kulturkämpfen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fanden. Durch die Weimarer Verfassung sei dieser Grundkonflikt letztendlich ebenso wie im Grundgesetz nur vertagt worden, sodass auch heute noch – gerade im Bereich Erziehung – Konfliktlinien zwischen Staat und Kirche bestünden. Durch die zunehmende religiöse Pluralisierung in der Gesellschaft ergäben sich nur neue Färbungen dieser Konfliktlinien.

Eine weitere „Verrechtlichung“ des Religiösen sei aber auch dadurch entstanden, dass Recht zu einer „Imaginationsform“ des Religiösen geworden sei: Recht reguliere nicht nur Lebensführungen, insbesondere auch im religiösen Bereich, sondern forme sie auch. Dadurch entstehe eine rechtlich kategorisierte Wahrnehmung religiöser Lebensbereiche und religiöse Konflikte würden zu rechtlichen Konflikten gemacht. Daraus ergebe sich dann in der logischen Folge eine vermehrte Konfliktlösung vor den Gerichten, aber auch der Wunsch an den Gesetzgeber, den religiösen Lebensbereich präventiv zu regeln. Verbunden sei damit einerseits die Möglichkeit, Machtstrukturen aufzubrechen und Minderheiten zu schützen, gleichzeitig wies Frau Dr. Reuter aber auch auf den negativen Aspekt hin, dass so Lebensbereiche immer mehr formalisiert würden.

In einem letzten Schritt sei die „Verrechtlichung“ dann immer mehr zu einer „Vergrundrechtlichung“ geworden, gerade durch das Erstarken menschenrechtlicher und minderheitenrechtlicher Gewährleistungen aus dem internationalen Recht. Gerechtigkeits- und Anerkennungsforderungen seien nicht mehr nur im politischen oder religiösen Diskurs gefordert worden, sondern es erfolgte eine „Übersetzung“ in Grund- und Menschenrechte und damit auch eine Änderung der Anspruchshaltung gegenüber diesen Gewährleistungen. Dadurch würden Rechtskonflikte um Religion zunehmend grundrechtlich begründet. Es entstehe daraus eine enge Verknüpfung zwischen grundrechtlicher Anerkennung und symbolischen Gewinnen. Dies zeige sich etwa an den Bemühungen muslimischer Dachverbände, als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannt zu werden. Durch symbolische Anerkennung ließe sich grundsätzlich eine reale Kräfteverschiebung im religiösen Feld in Gang setzen.

In der sich anschließenden, von Prof. Wittreck moderierten Diskussion, folgte auch die Bandbreite der Fragen, dem weiten Bogen, den Frau Dr. Reuter in ihrem Vortrag gespannt hatte. Insbesondere die Prägung des frühen Staatsrechts durch das kanonische Recht und der Einfluss des römischen Rechts wurde diskutiert. Außerdem wurden Rückfragen zu rechtsvergleichenden Beobachtungen gestellt.

Dr. Astrid Reuter ist Gastprofessorin am Berliner Institut für Islamische Theologie der Humboldt-Universität zu Berlin und vertritt zugleich die Professur für Allgemeine Religionswissenschaft an der WWU Münster. Sie forscht seit 2019 im Exzellenzcluster mit dem Projekttitel „Zur Dynamik von De-Institutionalisierung und Re-Institutionalisierung religiöser Praxis. Die ‚(Neuen) Geistlichen Gemeinschaften‘ im Spannungsfeld von kommunitärer Sehnsucht, individueller Frömmigkeit und kirchlicher Bindung“.

Die Ringvorlesung „Bedingungen der religiösen Moderne. 100 Jahre Religionsverfassungsrecht in Deutschland“ des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster verbindet verfassungsrechtliche, historische, theologische und sozialwissenschaftliche Perspektiven. Anlässlich der Verfassungsjubiläen 1919 und 1949 untersuchen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Entwicklung des Religionsverfassungsrechts in Deutschland von der Weimarer Reichsverfassung 1919 bis heute, beleuchten aber auch die Situation in anderen Ländern wie etwa Frankreich, Österreich oder USA.

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Exzellenzclusters „Religion und Politik“.