Folge 6: „Das gewaltige Buch“

Greifen wir zu Literatur, um uns in ein Thema einzuarbeiten, erstrecken sich die Buchformate meistens von der Größe eines UTB-Einführungsbandes in Taschenbuchgröße (18x12cm) bis zu den Maßen Juristischer Kurz-Lehrbücher (24x16cm). Größeres ist heute selten, wenn man absieht von den Tafelwerken der Kunsthistoriker. Wer die Phase der Orientierung hinter sich gelassen hat und zu einem Thema historisch arbeiten möchte, stößt bisweilen zu Bänden vor, die in Rara-Magazinen lagern. Selbstverständlich findet sich auch alte und älteste Literatur in kleinsten Formaten, so misst etwa Navarrus‘ Enchiridion sive Manuale confessariorum et poenitentium (1593) bloß 18x12cm – eben ein Manuale.

Doch einige bedeutende und autoritative Referenzwerke der Rechtswissenschaft oder der Theologie, wie das Corpus Iuris Civilis (CICiv) oder Thomas‘ Summa Theologia edierte man in der Frühen Neuzeit häufig im Groß-Folio-Format. Denn solche Texte wurden gemeinsam mit Glossen, Marginalien und Kommentaren abgedruckt, die rings um ihren Bezugstext gesetzt wurden.

Für die Arbeit am Lessius-Projekt musste ich in einem (kleinen) Schritt prüfen, ob sich die Textgestalt der Corpus-Iuris-Zitate bei Lessius aus der Nutzung einer CICiv-Vulgata erklärt. So nennt man, analog zur Biblia Vulgata, die Form des Corpus-Iuris, die bis zur professionellen überlieferungsgeschichtlichen Aufarbeitung des Texts verbreitet war. Und ein Druck dieses Texts zählt zu den Schätzen im Bestand der Rechtshistorischen Bibliothek und zu den Mammut-Exemplaren des RARA-Magazins. Vier der Bände sind vorhanden (I. Institutiones, II. Digestum vetus, III. Infortiatum, IV. Digestum Novum). Sie sind jeweils 45cm hoch und 30cm breit, haben lederbespannte, hölzerne Buchdeckel, einen 10-15cm starken Buchblock und wiegen pro Band circa fünf Kilo! Arbeit mit solchen Quellen diszipliniert, denn man überlegt sich drei Mal, ob und was man nachschlägt.

Sieht man einmal von dem Gewicht der Exemplare (und der gymnastischen Herausforderung ihrer Lektüre) ab, haben der Lyoner Verleger Hugues de La Porte und sein Drucker Jean Ausoult glänzende Arbeit geleistet: Die edlen Bände aus den 1550er Jahren sind nach gut 500 Jahren noch immer in exzellentem Zustand, erfreuen durch ein gestochen scharfes Schriftbild und geschmeidige Seiten. Im Unterschied zu den historisch-kritischen Ausgaben gibt unser Corpus Iuris noch wenig Auskunft über die Tradierung des Textes. Doch – einmal an den Arbeitsplatz geschleppt – zählt Nutzerfreundlichkeit auch zu seinen Vorzügen: Einem Gruß an legum Studiosis folgen, wie auch in späteren Editionen üblich, Indices, die der Orientierung in den Institutionen und Digesten dienen: alphabetische sowie sachliche, auf Titel, Leges und Glossen bezogene. Rechtsgelehrten des 16. Jahrhunderts boten Editionen dieser Art einen bequemen Zugang zu einem ihrer wichtigsten Referenztexte; das bezeugen unter anderem die lateinischen Notizen, die mit Tinte und Gänsekiel an die Rand geschrieben wurden.

 

Konstantin Liebrand 

Institut für Rechtsgeschichte