Clankriminalität. Entstehung und Entwicklung

 Clankriminalität ist vor allem ein Integrationsproblem. Dies ist die zentrale These, die der Islamwissenschaftler, Politologe und Publizist Dr. Ralph Ghadban in seinem Vortrag zum Thema „Clankriminalität. Entstehung und Entwicklung“ am 27. November 2019 im kriminalwissenschaftlichen Kolloquium an der Universität Münster aufstellte.

Die Migrationsgeschichte Deutschlands analysierend, sei es seiner Meinung nach speziell bei muslimischen Migranten zu Integrationsproblemen gekommen. Ein Grund hierfür sei deren starke Bindung an die an traditionellen Werten orientierten Großfamilien, die in islamisch geprägten Gesellschaften häufig die zentrale soziale Organisationeinheit bildeten. Konstituierende Merkmale dieser Familien seien dabei unter anderem das Patriarchat, das Eherecht, Endogamie, ein weniger horizontal ausgerichtetes Erbrecht und scharfe Sanktionen (bis zum Ehrenmord) auf Regelbrüche einzelner Familienmitglieder, die die Struktur und das Ansehen der Großfamilie in Gefahr bringen könnten. Diese Merkmale sorgten nicht nur für eine starke Bindung der Familienmitglieder an die Großfamilie, sondern auch für eine hohe informelle Kontrolle ihrer Handlungen. Dabei würden vor allem Frauen stark in ihren Handlungen reguliert und kontrolliert. Die engen Bindungen und hohe informelle Kontrolle innerhalb der Familien sorge, so Ghadban, schließlich dafür, dass diese in der arabisch-islamischen Kultur eine Bedeutung hätten, die in diesem Ausmaß in der westlichen Welt „unbekannt“ sei.

Diese Familienstrukturen hätten die Grundlage für die Bildung krimineller Clans in Deutschland durch die Volksgruppe der Mhallami geliefert. Deren Gruppensolidarität, so die Annahme Ghadbans, sei im Rahmen ihrer Migrationserfahrungen immer weiter gestärkt worden. So seien die betroffenen Mhallami nach ihrer Migration aus der südlichen Türkei – in der sie ursprünglich ansässig waren – in den Libanon, dort in Flüchtlingslagern „ghettoisiert“ worden. Aufgrund des libanesischen Bürgerkriegs floh ein Großteil dieser Gruppe schließlich nach Europa und hier speziell nach Ost-Berlin, um über diesen Weg nach Westdeutschland zu gelangen. In Berlin (und anderen deutschen Großstädten) seien sie unter anderem durch das verschärfte Asylrecht, das jegliche Integrationsmaßnahmen (Arbeitserlaubnis, Schulbesuch etc.) versagte, an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden. Diese Erfahrungen hätten sie von der jeweiligen Aufnahmegesellschaft isoliert und im Gegenzug die Bindungen an die Familie gestärkt. Diese Ausgrenzungen, vor allem aber, so Ghadban, der „winkende Profit“, habe die Großfamilien dann schließlich immer weiter in die Kriminalität geführt. Führende Clanmitglieder hätten festgestellt, dass moderne westliche Gesellschaften mit ihren vielen Gelegenheiten und relativ wenig punitiven Kontrollmechanismen „Beutegesellschaften“ seien, in denen man sich illegal „selbstbedienen“ könne. Sich immer besser organisierend und offensiver auftretend, habe die große Anzahl an Familienmitgliedern dabei geholfen, nicht nur andere Mitbürger, sondern gerade auch staatliche Institutionen (bspw. die Polizei) einzuschüchtern oder sich zumindest von diesen abzuschotten. Laut Ghadban sei es durch die Clans sogar zu sogenannten No-Go-Areas in Deutschland gekommen, in denen die Polizei deutsches Recht teilweise nicht mehr durchsetzen könne.

Insgesamt zeichnete Dr. Ghadban in seinem Vortrag ein recht düsteres Bild, indem er die Integration von einem Teil der Menschen mit arabisch-islamischen Hintergrund als schwierig bis nicht gelungen bewertet und die Nichtintegration wiederum als Nährboden für die Entwicklung von Clankriminalität darstellte. Sein Vortrag lässt jedoch auch erkennen, dass die deutsche Politik den Prozessen der Desintegration entgegentreten kann. Sie müsse dafür den zuwandernden Menschen legale Verdienstmöglichkeiten aufzeigen und dürfe sie nicht durch ein strenges Aufenthalts- oder Asylrecht an den Rand der Gesellschaft drängen. Ghadban wies daraufhin, dass die meisten Mhallami sich gleichwohl nicht strafbar verhalten würden. Seine

Ausführungen erfolgten in dem spezifischen Kontext der Clankriminalität und wie diese durch mangelhafte Integration gefördert worden sei. Mit Blick auf andere Zuwanderer aus muslimischen Ländern wird beobachtet, dass die Integration, insbesondere der Nachkommen von Zuwanderern, immer besser gelinge (siehe den Vortrag „Das Integrationsparadox – Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt“ von Prof. Dr. El-Mafaalani im kriminalwissenschaftlichen Kolloquium vom 9. Januar 2019).